zurück Meine liebe Tante hatte schon viele Schicksalsschläge in ihrem Leben erleiden müssen. Sie war seit vielen Jahren Witwe und mit einer Krankheit geplagt, die sie seit 2016 so gut wie ans Bett gefesselt hatte. Trotz allem war sie immer eine lustige, lebensfrohe Frau. Und das ist sie heute noch. Mehr denn je. Denn sie hat sich zu ihrem Glück selbst verholfen. Zu dem wahrscheinlich größten Glück, das sie sich selbst niemals mehr hätte träumen lassen. Es ist beneidenswert.

Alles begann damit, dass meine Tante in der Zeitung bei den Todesanzeigen einen Namen las. Einen Namen, der einer Frau gehörte, deren Ehemann meine Tante kannte. Aus Jungendzeiten. Sie kannte ihn nicht nur – es war ihre Jugendliebe gewesen. Sie lernten sich im Alter von 16 Jahren während der Ausbildung kennen. Nach Ende der jeweiligen Ausbildungen musste jeder wieder in seinen Heimatort zurückkehren. Es kam wie es kommen musste: Sie verloren sich aus den Augen. Es war eben noch nicht das Zeitalter von Handy’s oder sozialen Netzwerken. Jeder von ihnen heiratete und beschritt sein Leben auf unterschiedliche Weise.

Jedes Mal wenn sie diese Geschichte seither erzählt, strahlen ihre blauen Augen und man erkennt keinen Unterschied zwischen einem verliebten 14-jährigen Mädchen und einer über 80-jährigen Frau im Rollstuhl.

Nun liest sie diesen Namen in der Zeitung. Und jetzt kommt der Moment, in dem meine Tante „den Löffel selbst in die Hand genommen hat”.

Weil sie durch ihre lebensfrohe Art immer schon beliebt war und ihre alten Freundschaften immer pflegte, nahm sie das Telefon zur Hand. Sie wählte eine Nummer, von der sie glaubte, die Person am anderen Ende könnte vielleicht die Adresse ihrer Jugendliebe herausfinden. Dieses große VIELLEICHT und dieser winzige Funken Hoffnung – Leute! Das war DIE Glücksformel für meine Tante!

Sie bekam die Adresse über gefühlt 5 Ecken und konnte ihm eine Karte schicken. Danach führte eins zum andern, denn: Es war keine einseitige Jugendliebe. Dieser Mann, der ihr Herz höher schlagen ließ auch nach so vielen Jahren, fuhr nun wöchentlich über 80 km, um sie zu besuchen. In seinem Alter auch nicht mehr so selbstverständlich.

Man kann sich glaube ich vorstellen, wie sich solche Glücksgefühle auf die Gesundheit eines Menschen auswirken: Es ging ihr stetig besser.

Natürlich schaut man als Familie erst mal ein bisschen dumm drein. Sowas passiert ja nun wirklich nicht alle Tage. Meine Eltern erlebten ein kurzzeitiges Déjà-Vu und dachten an die Tage meiner „Tschamsdara“ (bayerisches Wort für „ nicht ganz so ernstzunehmender Liebhaber“) zurück. Doch schon bald merkte man, dass dieser Mann kein Tschamsdara war, sondern eher ein Gschbusi (bayerisches Wort für „schon eher ernst zu nehmenden Liebhaber). Bis wir uns versahen, war er kein Gschbusi mehr, sondern die beiden wollten heiraten. Und das haben sie auch. Ich wünsche ihnen von Herzen noch einige wundervolle gemeinsame Jahre.

Eine witzige, kleine Anekdote zu den Hochzeitsvorbereitungen:

Sie wünschten sich ein kirchliches Versprechen vor Gott. Dafür benötigt der Pfarrer standardmäßig eine Taufurkunde. Diese kann man in der Regel in der jeweiligen Gemeinde anfordern. Naja, in der Regel. Ausnahme: Die Taufe ist schon so lange her, dass die Gemeinde aufgelöst wurde und nicht mehr besteht. Daran sollte die Hochzeit natürlich nicht scheitern.  

Mein Hochzeitsgeschenk für die beiden war ein Gedicht, das ich im Zug von München nach Landshut geschrieben habe:

Gedicht

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